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                                                                                                 Verreck' doch!

Wieder einmal ist es soweit. Ich sitze zusammen mit meiner Tochter Nina, heulend und verzweifelt. Wieder einmal ist alles zusammengebrochen, was in mühevoller Kleinarbeit geschafft wurde. Nach der Entlassung meines Sohnes Anfang 2002 aus dem Gefängnis wird er sich mit Hilfe seines Vaters in der gleichen Stadt niederlassen, in der ich mit meiner Tochter lebe.

Wenn mein Sohn es schaffen könnte, „clean“ zu sein und seine Bewährungsauflagen einzuhalten, dann wäre es für Nina und mich möglich, damit zu leben. Aber die Erfahrung der letzten fünf Jahre macht uns Angst. Ich habe kaum Hoffnung, dass Fabian sich an ein normales Leben halten wird. Wie lange wird es dauern, bis er wieder mit Drogen und der Drogenszene in Berührung kommt? Wieviel Angst werden wir diesmal haben müssen? Angst um ihn, um uns und unser Leben. Ich weiß um die Drogenszene dieser mittleren Universitätsstadt. Eine jahrtausendalte Stadt, die beschauliches Studentenleben und ein Gefühl von Überschaubarkeit und Geborgenheit vermittelt, in der Nina und ich es geschafft haben, nach Jahren etwas zur Ruhe zu kommen, Abstand zu bekommen. Aber mit geschultem Blick erkenne ich mittlerweile, genauso wie jeder Junkie auch, die dunklen Ecken, die „Szene“. Die Angst und die Erfahrung hat mich mittlerweile genauso zu einem Spürhund gemacht wie es die Polizei und die Junkies selbst auch sind. Ich sehe, wie sich „Szene“ und Gesellschaft umkreisen. Keiner traut sich zuzubeißen und ich warte nur darauf, bis Fabian hier aufkreuzt und es der Szenehund ist, der erbarmungslos zuschnappt...

                                                                                             Mein Traum war es

Mein Traum war es, einen ganz normalen und gesunden Jungen zu haben, mit dem ich reden und lachen, tanzen und Rad fahren und viele andere schöne Erlebnisse haben wollte.
Mein Traum war es, dass Fabian die Sonne sehen und die Blumen riechen kann, dass er auch das Leid der Menschen sieht und Freude an den kleinen, aber wichtigen Dingen des Lebens hat.
Mein Traum war damals, als er noch ein Kind war, so klein – doch jetzt ist dieser Traum so unendlich groß und in unerreichbare Ferne für mich gerückt.
Und so ist mir von diesem großen Traum nur die Erinnerung geblieben, was hätte sein können.....
Der Traum wurde zum Albtraum.

Neun Monate Gefängnis, nach sieben Monaten wird Fabian mit einer Restbewährnung entlassen werden. Wenn dann etwas „schief geht“ werden es zwei Jahre Gefängnis sein. Fabian wird gegen Ende seiner „Knastzeit“ zwanzig werden, er hat bereits seit seinem vierzehnten Lebensjahr Drogenerfahrung. Als Fabians Vater und ich uns trennten, war Fabian sieben Jahre alt. Es war eine Trennung wie viele andere auch. Wir lebten in geordneten Verhältnissen, Fabians Vater war und ist finanziell sehr gut gestellt, so dass es auch nach der Trennung an nichts mangelte. Fabian lebte –ebenso wie seine kleinere Schwester- bis zu seinem einjährigen Internatsbesuch, den er selbst wünschte, bei mir. Als Fabian 13 Jahre alt war, entschied er sich einige Tage vor unserer Scheidung für einen Umzug zu seinem Vater. Damit war Fabian leider weitgehend meiner Aufsicht und Kontrolle entzogen. Das Sorgerecht hatte mein Ex-Mann, da ich ohnehin keinerlei Einfluss mehr auf meinen Sohn hatte. So ich Zugriff auf meinen Sohn hatte und habe, versuchen meine Tochter und ich ebenso wie viele andere Menschen auch, Fabian zu helfen. Die Gespräche seit Anfang 1997 waren alle fruchtlos. Jedes Bemühen wurde immer wieder von Drogen zerstört.

Drogenkonsum kostet Geld. Viel Geld. Geld, das Eltern und Angehörigen entwendet wird, Geld, das Eltern in der Annahme, damit den sozialen Abstieg ihrer Kinder verhindern zu können und „in der Gesellschaft“ mit einem drogenabhängigen Kind oder Jugendlichen/jungen Erwachsenen nicht aufzufallen, Geld, das mit dem Wiederverkauf, dem „dealen“ von Drogen verdient wird, Geld, das bei Einbrüchen und Überfällen, bei Raub und Diebstahl ergattert wird und Geld, das von biederen und braven Familienvätern in schmuddeligen Hotels, Zimmern, Bordellen, auf dem Strassenstrich an oftmals noch minderjährige Mädchen und Jungs –Kinder- für Leistungen bezahlt wird, die sie ihren eigenen Kindern nie zu erbringen wünschen würden.

Dies alles spielt sich hier mitten in Deutschland ab, mitten in braven Kleinstädten und Dörfern, in Städten, die sich „Drogenfrei“ und „Sperrbezirk“ nennen.....



                                                                                             ZERRISSEN

Zwischen den letzen Schatten der Dämmerung
und den ersten Zeichen der Dunkelheit
starre ich ohne zu sehen in die Nacht

Meine Schwingen tragen mich nicht mehr
Zerrissen ist meine Seele
Gepackt hat mich mein verhasster Begleiter - die Angst
und hält mich fest mit eisernem Griff

Deine Augen, mein Sohn, sind so leer
mein Herz ist voller Not und Pein
und schreit um Hilfe für dich
doch mein Schrei versinkt lautlos in die Nacht

Die Morgensonne leuchtet kraftvoll die Nacht fort
Wolken eilen miteinander spielend an mir vorüber
und mein erster Gedanke an jedem Morgen gilt dir, mein Kind
so wie auch mein letzter Gedanke jeden Abend dir gehört

Und doch bist du so weit weit weg von mir
hilflos sehe ich dich am Abgrund stehen
und will dich mit letzter Kraft ins Leben ziehen
doch ich erreiche dich nicht mehr.


Angela Auer, 7. Juli 2002


                                  Remember me - Gedanken eines toten Kindes

Ich bin jetzt ein Stern unter vielen Sternen
Und doch habe ich einen Namen
Ich wollte leben
Ich wollte lieben
Ich wollte die Welt erkunden und fremde Länder sehen
Ich wollte tanzen und lachen
Ich wollte ganz einfach nur glücklich sein.

Da, wo ich jetzt bin
Bin ich leicht und frei wie der Wind
Ich kann euch sehen
Und schicke euch meine Gedanken
Ich wache nachts über euren Schlaf
Ich bin in euren Herzen
Wohlgeborgen und nicht allein.

Verschließt nicht länger eure Augen
Schaut nicht länger zu
Wie eure Heimat zur Stadt der Drogen
Und der toten Kinder verkommt.

Vergesst nicht meinen Namen.....

Für Florian von Angela Auer, März 2003